• Selene Mariani

DECKENBLAU

Ich habe eine Wohnung, aber wohnen tue ich darin nicht.


Einmal die Woche stelle ich meinen Koffer im Flur ab. Ich nehme die Waschtasche heraus und mit ins Bad. Ich putze mir die Zähne, setze die Plastikkappe wieder auf die Zahnbürste und lege die Waschtasche zurück in meinen Koffer.


Der Kühlschrank ist abgestellt – nachdem ich anfangs immer wieder Tupperdosen entsorgen musste, deren Inhalt aussah wie die flauschige blaue Decke, die ich mir im Zug immer auf den Schoß lege. Ich habe beim Bahnhofs-Rossmann Tortellini gekauft, die esse ich direkt aus dem Topf.


Die verdorrte Calla auf dem Fensterbrett erinnert an die Anfangszeit, als ich noch glaubte, hier etwas lebendig halten zu können, obwohl ich nie da war.


Meine benutzten Kleider kommen ins Schnellwaschprogramm und dann in den Trockner – davon werden sie zwar nur ein kleines bisschen trockener, aber das ist besser als nichts. Ich rieche wahrscheinlich immer ein bisschen muffig, aber das merke ich nicht. Einen neuen Trockner hatte ich mir schon mal ausgesucht, aber für die Lieferung hätte ich länger als eine Nacht in der Wohnung sein müssen.


Wenn die feuchten Kleider im Koffer liegen und das Geschirr abgewaschen ist, nehme ich meine Handtasche und lege ich mich mit ihr ins Bett. Ich nehme ein paar der blauen Tabletten aus der Tasche, ich stelle den Handywecker, den ich immer stelle. Dem Holzwecker auf dem Nachttisch, der vom Staub beinahe so pelzig ist wie eine zeitlang die Tupperdosen im Kühlschrank, traue ich nicht mehr.


Ich ziehe Handcreme und Zeitschrift aus der Handtasche. Abendrituale sind wichtig, Schlafhygiene, damit ich irgendwann keine blauen Tabletten mehr schlucken muss.

Am nächsten Morgen esse ich die Nektarine, die ich gestern in der fremden Stadt gekauft habe. Den Kern werfe ich in die Mülltüte. Ich hatte mal mehrere, aber das lohnt sich nicht mehr. Ich habe jetzt eine, in die kommt alles.


Ich streiche mein Bett glatt, schließe das Fenster, Staubflusen wirbeln durch die Luft und senken sich auf Nachttisch, Kühlschrank und auf die tote Pflanze. Ein letzter prüfender Blick: alles Geschirr abgewaschen, nirgends Verderbliches.


Meine Handtasche über der Schulter, meinen Koffer in der einen, die Mülltüte in der anderen Hand, trete ich nach draußen. Meine Wohnung fällt wieder in ihren Schlummer und mir fällt es, wie immer, beinahe schwer, die Mülltüte wegzuwerfen.


Ich drücke danach meine Handtasche mit meinem Ellenbogen an meinen Körper und halte den Koffergriff fest. Ich denke an die blaue Decke darin, die ich mir in Wagen 21 auf Platz 33 auf den Schoß legen werde, und gleich geht es mir ein kleines bisschen besser.

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