• Selene Mariani

GESCHENKPAPIERBLAU

„Komm her und gib mir ein Küsschen“, sagt Oma und spitzt die Lippen.


Ich drücke ihr einen Kuss auf die Wange, die sich anfühlt wie meine Hände nach dem Plätzchenbacken – buttrig-weich.


Wie immer, wenn ich Oma geküsst habe, leuchtet sie wie der Weihnachtsbaum, als Mama vorhin endlich die Lichterkette angemacht hat.


„Und was ist mit mir?“, fragt Opa. Auch ihm gebe ich ein Küsschen, auch er strahlt, und ich denke: Das ist sehr komisch. Die beiden könnten jeden Tag so strahlen, sie haben einander zum Küssen und tun’s nicht.


„Die beiden sind sich nur einmal in ihrem Leben nahegekommen“, hat Mama mal gesagt: „Danach wurde ich geboren.“


Das finde ich sehr komisch.


Dabei ist auch Opas Gesicht weich, weniger buttrig vielleicht, aber dafür riecht es sehr gut, ein bisschen wie der Weihnachtsbaum, als ich mich vorhin daruntergelegt und die Lichter angesehen habe.


„Willst du nicht deine Geschenke auspacken?“, fragt Mama.


Auch Mama und Oma und Mama und Opa küssen sich nicht. Obwohl sie doch Eltern und Tochter sind.


Sie sitzen alle drei auf dem Sofa, zwischen ihnen so viel Abstand wie möglich: als säßen da noch zwei Leute. Wer könnte das sein, frage ich mich. Papa auf keinen Fall, der saß da noch nie, vielleicht eher Tante Aune, aber die würde nicht dazwischen passen, und außerdem ist die zu Weihnachten immer bei ihrer Liebhaberin in der Toscana.


Mama hat keine Liebhaberin und keinen Liebhaber. Das finde ich sehr komisch.


„Was ist denn?“, fragt Mama und guckt besorgt. Wenn sie besorgt guckt, muss ich schnell machen. Ich springe unter den Weihnachtsbaum und nehme das erste Päckchen in die Hand. Es ist ein weiches. Die weichen mag ich am liebsten. Ich wickele es aus. Aus dem Papier fällt ein Schal, der sich anfühlt wie eine Wolke.


„Danke, Mama“, sage ich, weil ich weiß, dass Mama den rausgesucht hat, und ich lächele, weil Mama dann versteht, dass ich mich freue und ich umarme sie, weil Mama sich dann auch freut.


Und so geht das weiter, aufmachen, lächeln, umarmen, mal Mama, mal Oma, mal Opa und alle schauen mich an und irgendwann tun meine Mundwinkel weh und meine Arme werden schwer, und trotzdem muss ich weiter auspacken, lächeln und umarmen, bis um mich herum alles voller Geschenkpapier ist: buntes, gepunktetes und glänzendes und Geschenkbänder, glitzernde und gekringelte.


Irgendwann liegen unterm Baum nur noch drei Geschenke. Es sind die einzigen, die nicht bunt, gepunktet oder glitzernd sind, sondern dunkelblau mit schwarzen Schleifen. Das sind die Geschenke von Oma und Opa für Mama und von Mama für Oma und Opa.


Ich nehme die blauen Päckchen, keins davon ist weich, und lege sie ihnen in den Schoß.

Sie packen aus: umständlich, sie haben keine Übung im Schleife-Aufmachen. Ich muss ihnen die Schere geben, die ich nicht gebraucht habe.


Dann endlich liegen die Geschenke in ihren Schößen. Alle drei haben Bücher bekommen, und alle drei lächeln, aber nicht so gut wie ich, und umarmen sich auch nicht. Sie sagen nur: „Danke“, als sagten sie es zu ihrem Geschenk, mit gesenktem Blick in ihre Schöße, und nicht zueinander.

Diesmal finde ich es nicht komisch: Ich würde mich auch nicht freuen über dieses Blau, dunkel wie ihre Weihnachtspullover. Ich trage mein bestes rotes Samtkleid, und auch alle meine Geschenke waren rot-gold-gelb-grün-glitzernd eingepackt, da lächelt man fast automatisch, wenn man das sieht, da ist es fast egal, was im Päckchen ist.


Ich sehe sie an, die drei, wie sie jetzt in ihren Büchern blättern, mit eingezogenen Ellenbogen, als säßen da zwischen ihnen noch Personen, an die sie sonst stoßen würden. Mama sitzt in der Mitte, Oma und Opa an den Rändern.


Ich stelle mir vor, sie wären Puppen. Ich würde sie von links und rechts zusammenschieben, bis sie ganz eng aneinandersitzen. Ich würde ihre Arme nehmen und sie auf die Schultern der anderen verteilen. Und ich würde ihre Lippen und Wangen zusammendrücken, „Jetzt habt euch lieb“, würde ich sagen.


Ich sage: „Ich hab‘ euch lieb“, und da strahlen sie, und ich denke: „Bis nächstes Weihnachten überlege ich mir eine Strategie.“

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