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ENTSCHLEUNIGUNG

In unserer schnelllebigen Welt gibt es nichts Wichtigeres, als sich bewusst Zeit zu nehmen für Achtsamkeit, Selbstsorge, Entschleunigung und all die anderen Begriffe, die als Hashtag unter Instagrambildern von Cappuccinotassen mit Barista-Schaumherz im Sonnenlicht zu finden sind.

Wenn es doch nur so einfach wäre, denke ich, während ich meinen Cappuccino schlürfe. Das Schaumherz habe ich soeben mit meinem Zuckerlöffel weggerührt. Die Sonne scheint auf meine Finger. Würde ich jetzt ein Foto machen, könnte ich genau so einen Hashtag darunter schreiben.

Aber die Wahrheit ist, dass nichts an mir entschleunigt ist, obwohl ich auf den ersten Blick so wirke - das haben mir schon viele gesagt: du wirkst so ruhig - und ich habe ungläubig aufgelacht bei den ersten Malen und später dann nur noch mit den Achseln gezuckt. Es ist nämlich so, dass ich nie, wirklich nie ruhig sein kann. Irgendetwas an mir bewegt sich immer, und meistens vieles gleichzeitig. Mein Bein wippt, meine Finger tippen abwechselnd auf dem Tisch herum oder kratzen an meinem Kopf, den ich alle paar Minuten nach rechts und links drehe, um die Verspannungen mit einem leisen Knacken zu lockern. Die meiste Unruhe jedoch sammelt sich im Inneren meines Kopfes. Da sind immer ungefähr zwanzig Gedanken gleichzeitig und im Hintergrund läuft ein Song in Dauerschleife.

Umso absurder, dass ausgerechnet ich eine zeitlang als Portraitsitzerin für einen Zeichenkurs gearbeitet habe. Zwanzig Minuten, in denen die Zeichnenden alle paar Minuten aufstöhnten oder schrien, weil sich mein Mundwinkel leicht bewegt hatte und jetzt der Schatten auf meinem Gesicht ganz anders verlief. Und trotzdem ging ich immer wieder hin, und das obwohl die Bezahlung nicht einmal gut war. Warum? Weil die zwanzig beinahe regungslosen Minuten bewirkten, dass da plötzlich statt zwanzig nur noch zwei Gedanken in meinem Kopf waren. Und ein schönes Lied, das ich auf dem Rückweg auf dem Rad vor mich hinsummte.

Vielleicht ist es das, was andere mit Entschleunigung meinen. Und vielleicht reicht bei anderen ja ein Cappuccino, damit sie sich so fühlen - bei mir muss es ein Raum voller schnaufender Zeichenschüler:innen sein. Und vielleicht ist das ja völlig in Ordnung.

Dieser Text ist im Rahmen von „Poetry to go“ in der Stadtbibliothek Hannover am 01.07.2023 entstanden. Das Stichwort "Entschleunigung" gab Julius Mayer.


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