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SOMMER

Ich komme an meinem Strandplatz an, lege mein Handtuch auf den Liegestuhl, ziehe mein Kleid aus und registriere den Blick eines Mannes vom Liegestuhl mir gegenüber.

Die Sonne brennt auf meiner Haut. Ich ziehe die Sonnencreme aus der Tasche. Ein Mann würde schreiben: Ich creme mich ein. Oder er würde es gar nicht erwähnen, weil es so insignifikant war, dass er sich gar nicht ans Eincremen erinnert.

Ich drücke Creme auf meinen Arm - die ungefährlichste Stelle, reibe so schnell ich kann drüber, wiederhole das Ganze auf der anderen Seite, noch schneller dann an den gefährlichen Stellen: Rücken, Ausschnitt, Bauch, Beine. Wie oft habe ich schon Sonnenbrand an der dünnen Haut am Rand meines Bikinihöschens bekommen? Ich riskiere es wieder, möchte mit der Hand nicht zu nah dorthin, verfluche, dass ich mich nicht schon in meinem sicheren, fensterlosen Bad eingecremt habe, verfluche, dass ich nicht weitergesucht habe nach einem Bikini, der weniger freizügig ist (nicht, dass meiner freizügig wäre, er ist ganz normal, eben so, wie achtzig Prozent der Bikinis sind). Dann stehe ich auf, laufe über den heißen Sand, genieße, wie sich meine Fußsohlen ins Weiche graben, spüre aber immer noch die Blicke meines Liegestuhlnachbarn und seiner Frau, jetzt die von allen, an denen ich vorbeigehe. Ich weiß nicht, ob ich sie mir einbilde, die Blicke auf meine Beine, meinen Po, meine Brüste. Die Bewertungen.

Endlich schwappt Wasser auf meine Zehen, meine Fußrücken, bis hoch zu meinen Knöcheln. Ich schnappe nach Luft, würde gern langsam ins Wasser waten, das im Vergleich zur Hitze des Strands eiskalt scheint, aber ich spüre die Blicke immer noch auf meinem Po, zumindest der soll vom Wasser bedeckt sein, ich laufe weiter so schnell ich kann, kalt klatscht es von unten gegen meine Vulva, ich laufe weiter, bis mein Bauchnabel unter Wasser ist. Vor mir schwimmt ein älterer Mann, er schaut nicht zu mir, ich atme auf, sehe zum ersten Mal den Himmel, kann die Wellen genießen, die sich jetzt nicht mehr so kalt anfühlen, bin ruhig. Dann, plötzlich, taucht ein Mann neben mir im Wasser auf, ist wohl getaucht, ich fühle mich paranoid, als ich mich frage, ob er mich unter Wasser angesehen hat. Ich kann nicht mehr. Ich will weder raus aus dem Wasser noch weiter hier drin bleiben, nirgends ist es sicher. Also schwimme ich und versuche die Blicke zu vergessen - kann mir doch egal sein, ob sie mich ansehen, ich bleibe die gleiche, Blicke allein können nicht wehtun, lüge ich mir vor, mit jeder Bewegung meiner Arme. Ich lege meinen Rücken auf die Wellen, strecke den Bauch nach oben, toter Mann nannten wir das früher, es fühlt sich nicht an wie früher, heute frage ich mich: Sitzt mein Bikinioberteil noch? Schaut jemand auf meine Brüste? Einfach gleiten lassen. Und was ist, wenn ich an jemanden stoße und dieser Jemand das als Anmache wertet oder als Entschuldigung, um mich zu berühren?

Es bringt nichts, ich entspanne mich ja sowieso nicht, ich laufe wieder Richtung Strand. Jetzt ist es noch schlimmer - ich laufe mit dem Gesicht hin zu ihren Gesichtern, die Sonne scheint mir auf den tropfnassen Körper, die Haare, die auf meinen Brüsten kleben, stur geradeaus schaue ich. Ich will duschen, aber wenn ich als Frau am Strand dusche, ist das wie eine Einladung noch mehr zu starren. Also tue ich es nicht, ich laufe so schnell ich kann zurück zu meinem Liegestuhl, setze mich auf mein Handtuch, die Sonne brennt die Wassertropfen weg, lässt meine Haut klebrig und heiß werden, der Mann vom Liegestuhl gegenüber ist nicht da: Ich atme auf.

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