• Selene Mariani

ENTSPANNT

„Gönn dir doch mal was“, sagen meine Freundinnen. Zumindest die, die am liebsten Bridget Jones gucken und Ben-&-Jerry’s-Brownie-Eis dazu essen. Die auch Dinge sagen wie: „Lass uns mal wieder einen Mädelsabend machen“ und dann feststellen: „Montags kann ich nicht wegen meinem Bauch-Beine-Po-Kurs, Dienstag habe ich Zumba, Mittwoch ein Date und Donnerstag und Freitag Me-Time.“


Zu den Sportkursen schaffen sie es nie, weil sie auch nur Menschen sind. Aber zur Me-Time immer.


Und Me-Time bedeutet: Die Füße eincremen und in flauschige Socken stecken. Mit grüner Gesichtsmaske Wäsche falten und die Wohnung aufräumen. Oder auch: ein Candlelight-Dinner allein.


Die Deluxe-Version der Me-Time, die sie sich mehrmals im Jahr gönnen: zur Thaimassage gehen. Ins Nagelstudio und zur Pediküre. In die Therme und zum Friseur.


Stets kommen sie mit rosa gepflegter Haut und seligem Gesichtsausdruck zurück und schwärmen: „Süße, du solltest dir das auch endlich mal gönnen, unbedingt!“


Ich hab’s ja versucht. Aber die Flauschsocken hinterlassen bunte Fussel zwischen meinen Zehen. Und die Gesichtsmaske juckt schon beim Auftragen – danach ist mein Gesicht voller roter Flecken. Wenn ich aufräume, kriege ich einen Niesanfall wegen meiner Stauballergie. Und ich koche andauernd für mich selbst, aber sonderlich entspannend finde ich das nicht. Nichts davon, um ehrlich zu sein.


„Ich kenne das“, sagte neulich eine dieser Freundinnen zu mir. „Zu Hause kann ich mich auch nicht hundertprozentig entspannen.“ Und sie empfahl mir die Deluxe-Version: Wellness-Termine.


Also verbrachte ich drei Tage mit dem Versuch, die Fußpflegerin zu erreichen, die meine Freundin so dringend empfahl. „Neben deinem Stuhl liegen Zeitschriften und du bekommst einen Cappuccino und Kekse serviert. Entspannung pur.“


„Und macht sie denn die Füße gut?“


„Klar“, sagte die Freundin abwesend, als sei das die nebensächlichste aller Fragen.



Also sitze ich dann endlich eines Mittwochs vierzehn Uhr dreißig bei Carmen im Fußpflegestuhl und freue mich beinahe. Meine Füße sind durchgefroren, freuen sich auf die Berührung.


Sie sagt: „Schuhe ausziehen bitte.“


Ich sage zwinkernd: „Oh, darauf war ich jetzt nicht vorbereitet.“


Und sie lacht, ohne mich anzusehen. Ein bisschen so, als hätte sie diesen Witz schon hundertunddreimal gehört und hasste mich dafür, dass ich ihn auch machte.


„Möchten Sie etwas trinken?“, fragt sie, während ich mir die Stiefel von den Füßen schiebe.


„Oh, gern einen Cappuccino“, sage ich. Die Freundin wäre stolz auf mich.


Sie sagt: „Moment“, wieder ohne mich anzusehen und verschwindet.


Ich nehme eins von den Magazinen, die – wie versprochen – neben mir liegen.


Als Carmen wieder hereinkommt, sage ich: „Mit dieser Zeitschrift fördern Sie meine Sucht.“


Sie sagt: „Bitte, ihr Kaffee.“


„Danke“, sage ich und: „Wissen Sie, das hier ist eine Einrichtungszeitschrift und ich ziehe nächste Woche um und denke an nichts anderes als: Welcher Sessel, welcher Teppich?“


Sie seufzt und sagt: „Ihr Kaffee wird kalt.“


Von da an schweigen wir. Sie zieht sich Plastikhandschuhe über und bearbeitet meine Füße. Ich schaue dabei auf ihre Augenringe, die fast schwarz sind und auf ihr mattes Haar.


Die Massage, die meine Freundin so pries, stellt sich als schnelles Auftragen einer nach Arztpraxis riechenden Creme heraus.


Meine Füße sind immer noch durchgefroren. Die Zehennägel sind kürzer, sonst sieht alles aus wie vorher.


Carmen kassiert sichtlich erleichtert ab, draußen wartet schon der nächste Termin, ich bin neunundzwanzig Euro ärmer als vorher und frage mich, wozu.



Nächster Versuch: Thaimassage.


Lani begrüßt mich strahlend, küsst mich auf beide Wangen und massiert mir schon die Schultern, während ich mir noch die Schuhe ausziehe.


„Ich liebe Massieren“, sagt sie. Immerhin, denke ich.


Sie geht lächelnd aus dem Zimmer. Dudelmusik ertönt.


Ich soll mich ausgezogen auf das Doppelbett legen, ein Handtuch über dem Hintern, eins unter dem Gesicht. Sie kommt wieder herein und kniet sich neben mir auf das Bett. Ich rutsche unwillkürlich ein Stück weg so wie wenn sich im Zug jemand neben mich setzt. Dann fällt mir auf, dass Berührungsangst und Massage vielleicht nicht so gut zusammenpassen. Da legt sie schon los. Es tut weh, aber vielleicht muss das so, also sage ich nichts.


Irgendwann denke ich: Egal, ob es muss, mich entspannt es so nicht, also sollte ich etwas sagen, aber inzwischen ist es ja schon zu spät, dann wüsste sie, dass es die ganze Zeit zu stark war und wäre vielleicht bestürzt. Genau, wie wenn ich jemanden wiedertreffe und nicht auf den Namen komme – irgendwann ist der Zug abgefahren, dann fragt man nicht mehr nach. Also beiße ich die Zähne zusammen. Es ist ja bestimmt sowieso gleich vorbei.


Vierzig lange Minuten später bin ich ölig wie Fish n Chips, habe Kiefer- und Nackenschmerzen, weil das auf-dem-Bauch-liegen-und-massiert-werden für mich anscheinend nicht so angenehm ist wie für andere Menschen.


Und: Lani hat mir während des Massierens ihre ganze schreckliche Lebensgeschichte erzählt. Ich gehe nach Hause und kann an nichts anderes denken als an ihre Kinder, die seit Jahren allein in Thailand warten. Lanis deutscher Mann hatte versprochen, sie nachzuholen, und jetzt schiebt er es immer weiter raus. Lani hat nicht genug Geld, sie muss mich massieren, genau wie die Fußpflegerin mich in ihren vollgepackten Tag schieben musste, ich war ein Termin von zu vielen. Kurz bevor ich rausging, hatte ich einen Blick auf den lückenlosen Terminkalender geworfen, daneben lag ein Bild ihrer Familie, drei kleine Töchter, die wenig von der Mutter haben, weil sie vor mir knien muss, um meine Füße zu massieren.


„Und, wie geht es dir?“, fragt meine Freundin gespannt.


Ich fange an zu heulen und erzähle alles und sie schüttelt den Kopf und sagt: „Über so was darfst du doch nicht nachdenken. Du solltest dich entspannen!“


Und sie macht für uns beide einen Termin in der Therme aus. Kein direkter Kontakt mit einer traurigen Dienstleisterin, das muss jetzt klappen, denkt sie.


Ich sitze brav neben ihr im Whirlpool und versuche nicht darüber nachzudenken, ob der alte Mann uns gegenüber gerade Wasser lässt.


Ich gehe mit ihr in die Sauna, versuche so auszusehen, als schämte ich mich nicht und kippe nur beinahe um, als ich mit schmerzendem Kopf aus dem heißen Raum komme. Ich springe mit ihr ins kalte Wasser und befürchte kurz einen Herzstillstand und schließlich sitze ich mit ihr zusammen in der Bahn zurück nach Hause.


Sie strahlt, ich niese, sie strahlt weniger und fragt lieber nicht, wie es mir geht. Danach bin ich eine Woche krank und als ich meine Freundin wiedersehe, schlägt sie mir keine Wellness-Termine mehr vor.


Und endlich bin ich wieder entspannt.

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