• Selene Mariani

ESCHENBACHS SIND SCHULD

Ich vermisse nicht dein Lächeln, sondern wie Eschenbachs oben stritten, immer zwischen zwei und vier Uhr morgens, und wie wir laut die Musik aufdrehten und tanzten, bis es vorbei war.


Ich vermisse nicht deine Augen, sondern die hässliche rechteckige Brille, die aussah wie selbst aus Draht gebastelt, die du dir zum Filmeschauen aufsetztest, die immer schief saß. Ich vermisse, wie du dann über die Filmhelden herzogst, bis ich vor Wut einen Krampf im Bauch hatte.


Ich vermisse deine Wadenkrämpfe, jeden Abend, kurz vor Herrn Eschenbachs erstem Schrei, wie du hin- und hertapertest in unserem langen Flur, den wir beide niemals saugten, der alle Socken unten grau färbte. Ich vermisse dein Fluchen, wenn du wieder mal einen Holzsplitter in der Sohle hängen hattest: „Verflixte Kiste!“


Ich vermisse Aufbackbrötchen am Sonntagmorgen, dein: „Die sind fast fertig“ und dann „Verflixte Kiste!“ und den Geruch von Verbranntem.


Ich vermisse, wenn du mich aus der Schule abholtest und alle fragten: „Ist das deine Mutter?“ und du sagtest: „Nein, ihre Schwester“ und wie du dann lachtest, deine federleichten grauen Locken lachten mit.


Ich vermisse deine pseudoklugen Ratschläge: „Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen, glaub mir, Kind, das ist das Geheimnis des Lebens“, während du die Orangenpresse auswuschst, „Wenn du sie gleich spülst, geht es ganz leicht, wartest du bis nachmittags, hängt alles fest, merk dir das, Kind.“


Ich vermisse die Tage, an denen du nicht aufstehen konntest, und als ich noch glaubte, das läge an deinem alten Körper, der nur nachts zwischen zwei und vier Uhr einen Energieschub hatte.


Ich vermisse alle Tage, bevor du anfingst, diese Tabletten zu schlucken, jeden Tag, und trotzdem immer seltener aufstehen konntest.


„Wie sieht es aus?“, fragte ich irgendwann und deine Antwort vermisse ich nicht: „Es sieht gar nicht aus, es drückt auf meine Brust, bis ich nicht mehr atmen kann.“


Ich glaube, Eschenbachs sind schuld: Sie hatten aufgehört zu streiten und deshalb hatten wir keinen Grund zum Tanzen mehr. Also drehte ich mitten am Tag die Musik auf und du tanztest, aber nur, um mich zu beruhigen, du bewegtest dich, als hättest du meinen schweren Wanderrucksack auf, den du mir damals vor jeder Klassenfahrt voll mit Büchern stopftest: „Nutz die freie Zeit, solang du noch kannst, Kind!“


Jetzt ist das Parkett im Flur immer noch grau und splittrig, und ich tapere darüber zum Fernseher und schimpfe zu den Filmen und nachts zwischen zwei und vier Uhr tanze ich. Tanze, bis ich schlafen kann, morgens stehe ich auf und mache mir einen frischen Orangensaft und wasche direkt danach die Presse aus.

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